Jurybegründung Prädikat wertvoll
Ein alter Mann in seinem Arbeitszimmer, einzelne Kommentare aus dem
Off lassen darauf schließen, dass er nicht wirklich Lust hat, die
Fragen der Regisseurin zu beantworten. Entstanden ist dabei ein
filmisches Essay, das sich der Ikone der deutschen Kulturpolitik,
Hilmar Hoffmann, auf ungewöhnliche Art annähert – und zugleich
unumwunden eingesteht, dass Hoffmann sich ihrem Vorhaben auf seine
ganz eigene Art eingelassen hat.
Der Filmtitel verrät schon, wie sich die Regisseurin und Hoffmann
aufeinander eingelassen haben. Es darf alles gefragt, muss deswegen
jedoch noch lange nicht beantwortet werden. Dabei stellt die
Regisseurin durch die eingeschnittene Regieanweisung sehr früh klar,
dass es sich um kein gewöhnliches Portrait handeln wird. Hoffmann
ist sich seiner Bedeutung und Größe vollkommen sicher, bei aller
einfließenden Arroganz wirkt er nie unsympathisch, eher knorrig, und
bleibt stets interessant. Auch schimmert in den gesprochenen und
gezeigten Antworten, etwa den Füßen auf dem Couchtisch, immer wieder
ein feiner Humor durch. So entsteht doch ein sehr persönliches
Portrait, das auf seine ganz eigene Art Blicke in den Menschen
Hoffmann erlaubt.
Das essayistische Moment wird durch das gewählte Material
unterstrichen. Die Materialbeschaffenheit, die Schärfenspiele
spiegeln den Versuch wider, ein künstlerisches Portrait jenseits der
puren Filmbilder anzufertigen. Wie so häufig bei Essays spalten
diese Elemente das Publikum und so auch den Ausschuss. Stärker
jedoch rieb sich der Ausschuss an den eingeschnittenen Bildern der
Bäume, die sich nicht entschlüsseln ließen. Trotz dieser und anderer
offener Fragen war eine Mehrheit des Ausschusses der Meinung, dass
dies ein filmisches Portrait sei, das sich aus der Menge
herkömmlicher Portraits heraushebe, dessen intelligenter Umgang mit
dem gedrehten Motiv die Erteilung eines Prädikates in jedem Fall
begründet.
Wiesbaden, November 2012
http://www.fbw-filmbewertung.com/film/ich_moechte_lieber_nicht
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